Von Görüş21

Die Vereinigten Staaten gelten seit Jahrzehnten als das mächtigste politische, wirtschaftliche und militärische Zentrum der Welt. Doch die Selbstverständlichkeit dieser amerikanischen Vormachtstellung beginnt zu bröckeln. Für den Ökonomen Richard D. Wolff und den ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis ist die gegenwärtige Krise deshalb weit mehr als eine vorübergehende politische Turbulenz. Sie sehen Anzeichen für einen strukturellen Wandel: Die amerikanische Hegemonie könnte ihren Höhepunkt überschritten haben.
In diesem Gespräch zwischen Varoufakis und Wolff geht es nicht allein um Donald Trump, die Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft oder die Rückkehr sozialistischer Ideen. Im Zentrum steht eine grundlegendere Frage:
Wie lange kann ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem stabil bleiben, das gleichzeitig enorme private Vermögen produziert, große Teile der Bevölkerung wirtschaftlich verunsichert und seine internationale Macht zunehmend auf Schulden stützt?
Wolffs Antwort ist deutlich: Amerika habe den Höhepunkt seiner imperialen Macht überschritten. Die Vereinigten Staaten befänden sich inzwischen in einer Phase des Niedergangs.

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Die amerikanische Machtmaschine basiert auf Schulden
Eine der interessantesten Thesen des Gesprächs betrifft die amerikanische Verschuldung.
Aus Sicht von Varoufakis ist die wachsende Verschuldung der USA nicht einfach ein Zeichen des wirtschaftlichen Niedergangs. Paradoxerweise sei sie ein Teil dessen, was die amerikanische Hegemonie überhaupt ermöglicht habe.

Seit den 1970er Jahren habe sich die amerikanische Macht zunehmend auf ein System gestützt, in dem die USA mehr importieren als exportieren und dadurch große Mengen an Dollar in die Weltwirtschaft bringen. Diese Dollar gelangen anschließend zu ausländischen Unternehmen und Staaten, die sie wiederum in amerikanische Vermögenswerte und Staatsanleihen investieren.

So entsteht ein Kreislauf: Die Welt produziert Waren für Amerika, Amerika bezahlt mit Dollar – und ein Teil dieser Dollar kehrt anschließend nach Amerika zurück, um amerikanische Schulden und Vermögenswerte zu finanzieren.
Das ermöglicht Washington, seine wirtschaftliche, politische und militärische Macht aufrechtzuerhalten.

Doch genau darin liegt auch die Schwäche des Systems.
Denn eine Weltmacht, deren ökonomische Stabilität zunehmend von Verschuldung und der internationalen Nachfrage nach ihrer Währung abhängt, ist nicht unangreifbar. Die amerikanische Stärke und ihre strukturellen Ungleichgewichte sind zwei Seiten derselben Medaille.

Der Dollar als Fundament und Schwachstelle
Die besondere Stellung des US-Dollars ist deshalb von zentraler Bedeutung.
Die Vereinigten Staaten können ihre internationalen Verpflichtungen in der eigenen Währung begleichen. Andere Länder müssen zunächst wirtschaftliche Überschüsse erwirtschaften, um internationale Zahlungen leisten zu können. Washington verfügt dagegen über das Privileg, Dollar zu schaffen und damit Waren, Kapital und Dienstleistungen aus der ganzen Welt zu erwerben. Diese privilegierte Position hat die amerikanische Macht über Jahrzehnte unterstützt. Doch ein solches System kann nicht unbegrenzt von denselben Voraussetzungen leben. Wenn wirtschaftliche und politische Akteure weltweit beginnen, ihre Abhängigkeit vom amerikanischen Finanzsystem zu reduzieren, verändert sich auch die Grundlage amerikanischer Macht.

Der Niedergang einer Hegemonie beginnt deshalb nicht unbedingt mit einem spektakulären Ereignis. Er kann auch langsam, schleichend und zunächst kaum sichtbar stattfinden.
Eine Weltmacht verliert ihre Stellung nicht unbedingt in einem einzigen Krieg. Manchmal verliert sie sie, indem andere Länder beginnen, sie nicht mehr zu brauchen.

Vom New Deal zum neoliberalen Rollback

Für Wolff liegt der Schlüssel zum Verständnis der gegenwärtigen amerikanischen Krise auch in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 erschütterte das amerikanische Gesellschaftsmodell. Die Arbeitslosigkeit explodierte, soziale Konflikte verschärften sich und sozialistische sowie kommunistische Bewegungen gewannen an Einfluss.

Unter Franklin D. Roosevelt entstand daraufhin der New Deal.

Soziale Sicherheit, Arbeitslosenunterstützung, Mindestlohn und staatliche Beschäftigungsprogramme veränderten das Verhältnis zwischen Staat, Kapital und Gesellschaft grundlegend. Der amerikanische Staat griff stärker in die Wirtschaft ein und reagierte damit auf den sozialen Druck der Krise. Doch Wolff interpretiert diese Entwicklung nicht als endgültige Transformation des amerikanischen Kapitalismus.
Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich die amerikanische Unternehmerklasse zunehmend darum bemüht, die sozialen und politischen Errungenschaften des New Deal wieder zurückzudrängen. Damit beginnt eine andere Geschichte: die Geschichte der schrittweisen Rücknahme sozialstaatlicher und gewerkschaftlicher Errungenschaften.
Die Lehre daraus ist für Wolff entscheidend: Reformen, die durch gesellschaftlichen Druck erkämpft werden, sind nicht automatisch dauerhaft gesichert.
Was politisch gewonnen wurde, kann politisch auch wieder verloren gehen.
Der Kapitalismus produziert seine eigenen Widersprüche Wolffs Kapitalismuskritik konzentriert sich auf drei grundlegende Probleme: Ungleichheit, Instabilität und ökologische Zerstörung.

Der Kapitalismus besitzt seiner Ansicht nach eine strukturelle Tendenz zur Konzentration von Reichtum. Eine kleine Minderheit kann enorme Vermögen anhäufen, während große Teile der Gesellschaft wirtschaftlich unsicher bleiben.
Entwicklung erzeugt nicht nur soziale Ungerechtigkeit. Sie gefährdet auch die politische Stabilität. Denn in einer Demokratie besitzen auch wirtschaftlich benachteiligte Menschen politische Rechte. Wenn eine kleine Gruppe immer reicher wird, wächst gleichzeitig das politische Risiko, dass die Mehrheit irgendwann versucht, diese Ungleichheit demokratisch zurückzudrängen.

Damit entsteht ein fundamentaler Widerspruch: Der Kapitalismus konzentriert wirtschaftliche Macht, während die Demokratie politische Gleichheit verspricht.
Je größer die wirtschaftliche Ungleichheit wird, desto stärker wird deshalb auch der Versuch der Wohlhabenden, ihren politischen Einfluss zu sichern. Wolff sieht in der engen Verbindung zwischen Milliardärsvermögen und politischer Macht ein besonders deutliches Beispiel dafür.

Die Krisen gehören zum System

Hinzu kommt die wiederkehrende wirtschaftliche Instabilität. Rezessionen, Finanzkrisen und Depressionen seien keine außergewöhnlichen Betriebsunfälle, sondern wiederkehrende Bestandteile kapitalistischer Ökonomien. Wolff verweist auf die regelmäßigen Konjunkturzyklen und nennt die Krisen von 2000, 2008 und 2020 als Beispiele.
Diese Instabilität wirkt unmittelbar auf das Leben der Menschen.
Arbeitsplätze werden unsicherer. Langfristige Investitionen werden riskanter. Der Erwerb eines Hauses, die Ausbildung der Kinder oder die Planung des eigenen Lebens werden schwieriger.

Hinzu kommt die ökologische Dimension.

Wenn wirtschaftliche Entscheidungen primär von Profitinteressen bestimmt werden, können langfristige gesellschaftliche und ökologische Kosten gegenüber kurzfristigen Gewinnen zurücktreten. Für Wolff ist dies kein Zufall, sondern ein strukturelles Problem des Systems.
Trump ist Symptom einer tieferen Krise Vor diesem Hintergrund erscheint Donald Trump weniger als Ursache der amerikanischen Krise denn als deren politisches Symptom.
Trump konnte eine bereits vorhandene gesellschaftliche Wut mobilisieren: gegen politische Eliten, gegen wirtschaftliche Unsicherheit, gegen Globalisierung und gegen ein politisches Establishment, das viele Menschen nicht mehr als Vertreter ihrer Interessen betrachten.
Interessanterweise gilt dies laut Wolff nicht nur für Trump. Auch der Aufstieg sozialistischer und progressiver Bewegungen sei Ausdruck derselben Entfremdung.
Menschen reagieren auf dieselbe Krise unterschiedlich. Die einen wenden sich nach rechts, die anderen nach links. Das gemeinsame Element ist jedoch die Überzeugung, dass das bestehende politische System ihre Interessen nicht mehr ausreichend repräsentiert.

Die Rückkehr des Sozialismus

Besonders bemerkenswert ist deshalb die veränderte Haltung jüngerer Amerikaner gegenüber dem Sozialismus. Über Jahrzehnte war das Wort „Sozialismus“ in den Vereinigten Staaten politisch hochgradig belastet. Der Kalte Krieg hatte sozialistische und kommunistische Ideen marginalisiert und vielfach mit einer grundsätzlichen Bedrohung der amerikanischen Gesellschaft gleichgesetzt.

Doch diese politische Kultur verändert sich.

Wolff beobachtet insbesondere bei jüngeren Menschen eine wachsende Offenheit gegenüber sozialistischen Ideen. Er interpretiert dies allerdings nicht unbedingt als Ausdruck eines ausgereiften marxistischen Bewusstseins.

Vielmehr gehe es zunächst um eine einfache gesellschaftliche Botschaft:

Das bestehende System funktioniert für uns nicht mehr.
Genau diese Stimmung könne zum Ausgangspunkt einer größeren politischen Bewegung werden. Ob daraus eine reformistische Sozialdemokratie oder eine grundlegende Veränderung der Wirtschaftsordnung entsteht, sei allerdings noch offen.
Amerika verliert nicht nur Kriege – es verliert Vertrauen
Besonders wichtig ist Wolffs Analyse der amerikanischen Außenpolitik.
Er verweist auf Vietnam, Afghanistan und Irak als Beispiele für militärische Interventionen, deren politische Ziele nicht erreicht wurden. Auch gegenüber Iran sieht er die amerikanische Macht mit zunehmenden Schwierigkeiten konfrontiert. Im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg sei die Situation ebenfalls nicht eindeutig zugunsten Washingtons.
Doch militärische Niederlagen oder Schwierigkeiten sind nur ein Teil des Problems.
Noch wichtiger könnte der Verlust der Soft Power sein. Amerikanische Macht beruhte lange nicht nur auf Flugzeugträgern, Militärbasen und Atomwaffen. Sie beruhte auch auf der Fähigkeit, andere Gesellschaften davon zu überzeugen, dass das amerikanische Modell attraktiv, modern und nachahmenswert sei. Wenn diese Anziehungskraft nachlässt, verliert Washington einen wesentlichen Teil seiner Macht. Wolff verweist dabei auf die zunehmende Entfremdung selbst traditioneller Verbündeter wie Kanada und Mexiko.
Die eigentliche Krise findet im Inneren statt
Vielleicht liegt darin die wichtigste Aussage des gesamten Gesprächs.
Die amerikanische Hegemonie wird nicht ausschließlich durch äußere Konkurrenten herausgefordert. Sie wird gleichzeitig durch innere Widersprüche geschwächt.
Eine Gesellschaft, in der extreme Vermögen neben wachsender wirtschaftlicher Unsicherheit existieren, produziert soziale Spannungen. Ein politisches System, in dem viele Menschen weder Republikaner noch Demokraten als ihre Vertreter betrachten, produziert Entfremdung.

Eine Weltmacht, die militärisch interveniert, aber ihre politischen Ziele nicht zuverlässig erreicht, verliert Glaubwürdigkeit. Und ein Wirtschaftsmodell, das auf ständigem Wachstum, Verschuldung und Profitmaximierung beruht, stößt irgendwann auf materielle Grenzen.
Die amerikanische Krise ist deshalb gleichzeitig ökonomisch, sozial, politisch und geopolitisch.

Hegemonie endet selten über Nacht

Wolff warnt zugleich vor einer zu einfachen Interpretation des amerikanischen Niedergangs.
Kapitalistische Systeme haben in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass sie Krisen überleben und sich verändern können. Auch frühere Prognosen über das Ende des Kapitalismus erwiesen sich als voreilig. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht unbedingt, ob das amerikanische System morgen zusammenbricht.

Die interessantere Frage lautet:

Welche Fähigkeit besitzt dieses System noch, seine eigenen Widersprüche zu lösen?
Genau hier liegt die historische Bedeutung der gegenwärtigen Situation.
Vielleicht erleben wir keinen plötzlichen Zusammenbruch der amerikanischen Ordnung. Vielleicht erleben wir etwas viel Langsameres: die allmähliche Verschiebung wirtschaftlicher, technologischer, politischer und geopolitischer Macht. Hegemonien verschwinden selten an einem einzigen Tag. Sie verlieren zunächst ihre Selbstverständlichkeit.

Eine neue politische Landschaft

Die politische Zukunft der Vereinigten Staaten bleibt deshalb offen.
Auf der einen Seite stehen MAGA und ein nationalistischer Populismus, der die Unzufriedenheit mit dem Establishment nach rechts kanalisiert.
Auf der anderen Seite entstehen neue progressive und sozialistische Bewegungen, die eine stärkere Umverteilung und eine Veränderung wirtschaftlicher Machtstrukturen fordern.
Beide Richtungen sind Ausdruck einer gemeinsamen Erfahrung: Viele Amerikaner glauben nicht mehr daran, dass das bisherige System ihre Zukunft sichern kann.
Ob daraus eine neue gesellschaftliche Ordnung entsteht, ist ungewiss.

Aber eines scheint sich zu verändern: Die jahrzehntelange politische Gewissheit, dass der amerikanische Kapitalismus keine grundsätzliche Alternative benötigt, verliert an Überzeugungskraft.

Vom Ende des alten Systems zur Suche nach einem neuen
Am Ende des Gesprächs wenden sich Varoufakis und Wolff der Frage zu, wie junge Menschen die Wirtschaft überhaupt verstehen sollten.
Ihre Antwort ist ungewöhnlich: Man müsse nicht nur die traditionelle Wirtschaftswissenschaft studieren, sondern auch Marx. Nicht, um Marx als unfehlbare Autorität zu betrachten. Sondern um eine andere Perspektive auf Eigentum, Macht, Kapital und gesellschaftliche Beziehungen zu entwickeln.
Wolff fordert eine kritische Denkweise, die auch neue Phänomene wie Big Tech und die Cloud-Ökonomie analysieren kann: Wer kontrolliert diese neuen Infrastrukturen? Welche Formen von Reichtum und Macht entstehen dadurch? Welche Möglichkeiten eröffnet die Technologie – und welche neuen Abhängigkeiten schafft sie?
Damit schließt sich der Kreis.

Die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur, ob Amerika seine hegemoniale Stellung verliert. Die größere Frage lautet:

Was kommt danach?

Eine neue Form des Kapitalismus? Eine stärkere Sozialdemokratie? Ein technologisch dominierter „Techno-Feudalismus“, wie Varoufakis es nennt? Oder eine grundsätzlich neue Wirtschaftsordnung?

Noch gibt es darauf keine eindeutige Antwort.

Aber die Zeichen des Wandels sind sichtbar. Amerika verliert seine Macht möglicherweise nicht in einem spektakulären Moment. Es verliert sie – wenn die Diagnose von Wolff und Varoufakis zutrifft – langsam: durch Verschuldung, soziale Spaltung, politische Entfremdung, militärische Fehlschläge und den Verlust internationaler Anziehungskraft.
Der vielleicht wichtigste Wandel findet dabei nicht außerhalb, sondern innerhalb der Vereinigten Staaten statt.

Denn eine Weltmacht kann ihre geopolitische Stellung nur so lange behaupten, wie ihre eigene Gesellschaft an die Zukunft ihres Systems glaubt.
Und genau dieser Glaube scheint zu schwinden.